Opferfest und Muslime – Teil 1 / von Nuri Şenay

Die historische Entstehung des Opferfestes und wie Muslime diesen Tag feiern, ist sicherlich den meisten Leserinnen und Lesern bekannt. Falls jemand sich doch noch informieren möchte, bevor er oder sie diesen Text weiterliest, möge bitte folgenden Link anklicken und danach wieder auf diese Seite zurück kehren.

Die Überschrift lässt auch sicherlich vermuten, in welche Richtung dieser Text gehen wird. Ja, genau. Es geht darum, was wir am Tag des Opferfestes opfern und auch um die Zeit danach. So wie der Ramadan uns ein Monat lang im Idealfall körperlich und mental transformiert und uns auf die Bewältigung von Herausforderungen in den anderen elf Monate vorbereitet. Genauso hat meiner Meinung nach auch das Opferfest denselben Anspruch, wie der Ramadan auf die Zeit danach. Ich nenne diese Zeit die Post-Eid-Phase (PEP).

Ich denke, dass die meisten Leserinnen und Leser sich darüber einig sind, dass am Eid al-Adha (türkisch: Kurban Bayramı) ein Opfertier geopfert wird und dass wir an dieser Tradition weiterhin festhalten werden. Dies führt uns zum nächsten Punkt, nämlich zu den Kosten, die entstehen. Abhängig vom jeweiligen Land, wo man ein Opfertier opfert, zahlt man zwischen 70 und 400 Euro. Der Prozess wird einem sehr leicht gemacht, denn man muss dabei nicht einmal sein gemütliches Heim verlassen. Heutzutage reicht ein einfacher Mausklick und die Transaktion bzw. die Überweisung für das Opfertier ist erledigt. Seien wir bitte ehrlich zu uns selbst! Ist es möglich, dass ein Hauch von Emotionalität in uns geweckt wird, wenn wir gar keinen Bezug zum Opfertier haben und zu den Menschen, die das Fleisch des Opfertieres verzehren werden. Wenn wir „nur“ eine Änderung auf unserem Girokonto feststellen können, aber unsere Herzen dieser Mausklick nicht berührt.

Ich frage mich ernsthaft, ob unsere heutige Geisteshaltung und unser Prozess beim Opfern am Opferfest tatsächlich dem Beispiel des Propheten Ibrahim (a.s.) und dessen Sohn Ismail (a.s.) gerecht wird. Denn schließlich war Ibrahim (a.s.) bereit etwas zu opfern, was ihm am wertvollsten war, nämlich seinen Sohn, weil Gott es von ihm verlangt hat.
Macht bitte folgenden Vergleich: Auf der einen Seite befinden sich jene, die das Geld für ein Opfertier per Mausklick überweisen und auf der anderen Seite der Prophet Ibrahim (a.s.), der bereit ist seinen Sohn mit einem Messer zu opfern.

Hmm? Irgendwie lassen sich die beiden Situationen nicht miteinander vergleichen, weil sie offensichtlich zu unterschiedlich sind. Daher sollten wir uns folgende Frage stellen: „Was ist für uns das Wertvollste? Von welcher Sache können wir uns schwer trennen? Welche Dinge sind für uns unverzichtbar oder unentbehrlich?“ Egal was uns jetzt in den Sinn kommt oder einfällt, es kann nicht annähernd mit der Opferbereitschaft des Propheten Ibrahim (a.s.) konkurrieren. Soll es natürlich auch nicht, weil der Schöpfer uns damit ein Beispiel setzen wollte. Wir wären alle Mörder, wenn wir bereit wären unsere Kinder zu opfern.
Aber es gibt andere Dinge, von denen es uns schwer fällt zu trennen. Zum Beispiel Zeit! Sind wir bereit unsere Zeit für Handlungen zu investieren, die uns nicht Spaß machen, aber für andere Menschen sehr hilfreich sind? Ein Beispiel hierfür wäre die Erziehung von Kindern, welche viele Eltern zermürben kann. Insbesondere, wenn Eltern Wert darauf legen Kinder in ihrer gesunden Entwicklung kontinuierlich zu unterstützen.

Ist man bereit für die Erziehung der eigenen Kinder die notwendige Zeit aufzubringen? Ich meine damit nicht nur neben dem Kind sitzen und mit Freundinnen und Freunden übers Smartphone chatten. Sondern mit dem Kind sich aktiv beschäftigen? Die Rede ist von qualitativ und nicht quantitativ zusammen verbrachte Zeit. Denn es kommt nicht darauf an wie lange man „neben“ seinem Kind gesessen hat, sondern ob man die Zeit mit dem Kind sinnvoll gestaltet hat. Ibrahims (a.s.) Prüfung war seine Bereitschaft das Leben seines Kindes zu opfern, unsere Prüfung ist unsere Bereitschaft die nötige Zeit für unsere Kinder zu opfern.

Fortsetzung folgt…

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